Um die Facetten des Themas eingehend zu erfassen, war zunächst im April 2011 von Berlitz mit dem Marktforschungsinstitut Quest eine Online-Umfrage unter Luxemburger Top-Managern gestartet worden. Auf der Basis dieser Studie wurde dann - unterstützt von Luxembourg for Business und der Chambre de Commerce - von Berlitz das Symposium organisiert, das die Ergebnisse der Umfrage um einen fruchtbaren Dialog zwischen Experten und interessierten Teilnehmern bereichern sollte.
Die Initiative zum Projekt war von Artur Sosna, dem Direktor der lokalen Berlitz-Schule, ausgegangen. Er persönlich schätzt die luxemburgische Selbstverständlichkeit im Umgang mit drei bis vier Sprachen, wunderte sich aber schon immer, dass sich bisher nur selten jemand konkret mit der Bedeutung des Themas für die luxemburgische Wirtschaft auseinandergesetzt hatte.
Beim Symposium stellte zunächst Carlo Kissen, CEO des Marktforschungsinstituts Quest, die Ergebnisse der Online-Studie vor. Französisch ist laut der Studie die vorherrschende Sprache mit über 50%, gefolgt von Luxemburgisch (20%), Englisch (18%) und Deutsch (5%). Neben der jeweiligen Hauptsprache werden in allen Unternehmen zusätzlich bis zu vier weitere Sprachen verwendet. Dabei wurde deutlich, dass die (Fremd)Sprachenkenntnisse in Luxemburg zum einen ein wichtiges Einstellungskriterium sind - ihre Wichtigkeit übertrifft z.B. die Einordnung der sozialen Kompetenzen der Bewerber. Luxemburger haben in dieser Hinsicht offensichtlich einen Wettbewerbsvorteil, da ihre Sprachkenntnisse vor denen von Ausländern im Land und grenzüberschreitenden Pendlern eingestuft werden. Der Geschäftsdynamik gibt die luxemburgische Mehrsprachigkeit laut den meisten Befragten einen deutlichen Schub. Unbestritten ist unter der Mehrheit der Befragten außerdem, dass die Mehrsprachigkeit es erleichtert, hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland ins Land zu lotsen und neue Märkte zu erschließen. Umgekehrt zieht die Mehrsprachigkeit neue Unternehmen an. Allerdings bedeutet sie auch eine Herausforderung: Die interne Kommunikation ist deutlich komplexer als im Normalfall und Missverständnisse wegen mangelnder Sprachkenntnisse oder interkultureller Unterschiede kommen häufig vor. Außerdem bilden sich in den Unternehmen informelle Gruppen, die auf der Muttersprache der Mitarbeiter beruhen - diese können dem Teamgeist und der Integration neuer Mitarbeiter entgegenstehen.
Nach der Präsentation der Marktforschungsergebnisse moderierte Jakub Adamowicz eine Podiumsdiskussion, zu der Redner aus den verschiedensten Bereichen eingeladen worden waren: Petra Buderus leitet die Human Ressources von KPMG Luxemburg, Hjoerdis Stahl ist Executive Vice-President von LuxairCARGO, Carole Tompers Secretary General von Luxembourg for Business. Außerdem sprachen Prof. Dr. Rolf Tarrach, der Rektor der Universität, und Daniel Tesch, Leiter des Automobile Clubs Luxembourg (ACL).
Für jedes der vertretenen Unternehmen ist die Mehrsprachigkeit auf seine Weise von großer Bedeutung. Unternehmen, die Service- und Beratungsleistungen für ihre Kunden erbringen wie z.B. KMPG und der ACL, müssen sich natürlich besonders auf die Sprache der Kunden einstellen - daher stellen sie auch hohe Anforderungen an die Sprachkenntnisse ihrer Mitarbeiter. So kommt es, dass z.B. bei KPMG Luxemburg Mitarbeiter aus 35 Nationen beschäftigt sind.
Je nach der Biographie der Redner legten sie in ihren Beiträgen unterschiedliche Schwerpunkte. Hjoerdis Stahl, eine Deutsch-Amerikanerin, betonte z.B. mehrmals, dass trotz der Mehrsprachigkeit das Französische in Luxemburg eine deutlich dominante Stellung habe - das habe sie bei ihrem Umzug nach Luxemburg am eigenen Leib erfahren und ihre Sprachkenntnisse schnellstmöglich um das Französische erweitert. Daniel Tesch, der polyglotte Chef des ACL, erwähnte, dass für ihn als Luxemburger das Erlernen von Fremdsprachen immer mit Leichtigkeit verbunden gewesen sei - er vermutet, dass dies damit zusammenhängt, dass er so früh mit vielen Sprachen vertraut war.
Er erwähnte damit einen Aspekt, der nicht nur die Podiumsgäste, sondern auch die Symposiumsteilnehmer beschäftigte, nämlich das luxemburgische Bildungssystem. Toula Vassilacou, der Direktorin der Europäischen Schule, äußerte Zweifel daran, dass die anspruchsvolle mehrsprachige Schullaufbahn für alle Schüler der richtige Weg sei - am wichtigsten sei es doch, dass man eine Sprache sehr gut beherrsche als mehrere nur durchschnittlich gut. Durch die Mehrsprachigkeit bestehe die Gefahr, dass andere Fächer auf der Strecke bleiben. Dem stimmte Prof. Tarrach von der Universität zu - Schüler müssten nach ihren individuellen Fähigkeiten gefördert werden, weil eben nicht jeder Sprachen mit der gleichen Leichtigkeit lerne. Somit kann der erklärte Einstellungsvorteil der Luxemburger, der bei den Ergebnissen der Studie zur Sprache kam, für manche auch ein unüberwindbarer Nachteil sein.
Dabei kam auch ein Thema ins Spiel, bei dem sich die Experten einig waren: Es ist nicht nur die Mehrsprachigkeit selbst, die für die Luxemburger und die Unternehmen, in denen sie arbeiten, von Bedeutung ist: Jede Sprache, die man lernt, bedeutet auch, dass man sich eine neue Kultur und eine neue Welt erschließt, man wird offener für Neues. Somit wird es auch leichter, Empathie für Menschen aus verschiedenen Kulturen zu „lernen" - ein wichtiger Vorteil in einem mehrsprachigen Umfeld. Der ACL ist z.B. laut Daniel Tesch genau wegen dieser Fähigkeit seiner Call Center-Mitarbeiter zur Empathie gegenüber Menschen aus verschiedenen Kulturen erfolgreich: Ist man in einer Notsituation, weiß man es besonders zu schätzen, wenn man immer auf freundliche Unterstützung trifft, und zwar ganz gleich in welcher Sprache man sich verständigt.
Natürlich wurde auch über die Herausforderungen diskutiert, die die Mehrsprachigkeit mit sich bringt. Interkulturelle Trainings für Mitarbeiter haben sich z.B. bei KPMG bewährt, um Missverständnisse zu vermeiden. Vor allem bei Führungskräften sollte ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie die einzelnen Nationalitäten „ticken". Wichtig ist, dass Top Manager Mehrsprachigkeit vorleben und in ihrem Führungsstil auch berücksichtigen. Denn wenn es einem Mitarbeiter schwer fällt, sich zu verständigen, ist das Wichtigste, dass die Führungskraft wirklich geduldig zuhört und nachfragt, bis sie ihn versteht - das ist nach der Meinung von Hjoerdis Stahl wichtiger als die Sprachkenntnisse selbst.
Die große Resonanz, auf die das Thema gestoßen ist - 240 Teilnehmer hatten sich zum Symposium angemeldet - beweist, dass es sich lohnt, die Ergebnisse schriftlich zu dokumentieren. Berlitz wird dazu eine zusammenfassende Veröffentlichung herausgeben. Außerdem soll das Thema Mehrsprachigkeit auch in Zukunft weiter unter die Lupe genommen werden: Zu diesem Zweck wurde unter Federführung eines Projektförderers, der AMCHAM, ein „Committee of Diversity" gegründet, das die Ergebnisse des Projekts aufgreifen und die Denkanstöße weiter bearbeiten soll. Wer Interesse am Thema hat und Anregungen für die Arbeit des Committees hat, ist herzlich dazu eingeladen sich unter symposium@berlitz.lu zu melden.










